Vor drei Jahren bekam ich von Sonja eine Einladung zur Besteigung des Ortler über den Hintergrat zum Geburtstag. Die Einlösung der Einladung hatte aber bislang nie geklappt. Nun ist es gelungen alle Vorbedingungen für ein Gelingen dieser Unternehmung zu erfüllen und den Hintergrat erfolgreich abzuhaken. Obwohl sich das Wetter – entgegen der optimalenVorhersage – als eher launisch erwies, hatten wir gute Verhältnisse auf dem Grat und dem Gletscher.

Um 17 Uhr wollten wir eigentlich schon auf der Hütte sein, aber da die Anfahrt mit dem Auto sich ziemlich in die Länge gezogen hatte, standen wir gerade mal am Parkplatz der Bergbahn in Sulden. Wir überlegten kurz, ob wir die letzte Bergfahrt nehmen sollten, entschieden uns aber dann doch zu Fuß zur Hütte aufzusteigen, was sich nicht nur zeitlich und finanziell günstiger erwies, sondern auch wegen des schönen Zustiegs lohnte. Kurz nach 18 Uhr waren wir auf der Hintergrathütte (2.661 m).

Nach einer für Hüttenübernachtungen geruhsamen Nacht gab es um 4 Uhr das Frühstück und eine halbe Stunde später waren wir mit den Stirnlampen schon auf dem Weg zum Hintergrat. Auf gut sichtbaren Steigspuren arbeiteten wir uns zielstrebig durch steile Schotterfelder zu den ersten Ausläufern des Felsgrates hinauf. Bei den ersten Sonnenstrahlen ging es in leichter Kletterei links des Grates hinauf und durch die Südwestflanke auf den ersten breiten Firnrücken der Tour.

Im Anschluss an den Firnrücken ging es unschwer im Fels weiter und kurz unterhalb des Signalkopfes seilten wir uns an. Am laufenden Seil stiegen wir wenige Meter ab und querten über ein Band wieder auf den Grat, wo wir bald vor der Schlüsselstelle der Tour standen. Es handelte sich um einen kurzen Steilaufschwung durch eine glatte und schon recht abgespeckte Verschneidung im vierten Schwierigkeitsgrad, die zwar nicht wirklich schwierig war, sich aber mit dem Gewicht des Rucksacks und den Bergschuhen doch etwas unangenehm anfühlte.

Nach wieder leichterer Kletterei erreichen wir das zweite Firnfeld, das knapp 150 Meter mit maximal 40 Grat steil hinaufzog. Anschließend ging es durch schönen Fels im dritten Grad weiter hinauf, kurzzeitig etwas schwieriger über eine leicht abdrängende Stelle und die letzten Meter über den Grat schließlich seilfrei auf den Gipfel des Ortler (3.905 m), den wir um 10.30 Uhr erreichten. Aufgrund des kalten Windes froren Sonja und ich ziemlich arg. Und da bei diesen Temperaturen auch der Akku des Handys streikte, traten wir ohne „Beweisfoto“ vom Gipfel den Abstieg an.

Vom Gipfel ging es über das breite Gletscherplateau in zum Teil steilen und spaltenreichen Abschnitten hinunter zur Biwakschachtel. Nach einem Abseiler über einen Felsabbruch geht es nochmals einige Meter auf dem Gletscher weiter bis zu einem Sattel, wo wir Pickel und Steigeisen wegpacken konnten. Von hier querten wir wieder auf den Grat und gingen in Richtung der zweiten Abseilstelle. Die letzten Meter zu dem Bohrhaken waren ausgesetzt und nochmals etwas unangenehm, weil der Fels auch hier wieder ziemlich abgetreten und abgespeckt war.

Einen weiteren Gratabbruch konnten wir mit Hilfe einer klettersteigartigen Eisenkette schnell überwinden und dann ging es ohne technische Schwierigkeiten auf gut ausgetretenen Steigspuren und leichter Kletterei zur Payerhütte (3.029 m). An der wundervoll gelegenen Hütte machten wir eine Mittagspause und konnten uns mit den sehr netten Seilschaften, die ebenfalls auf dem Hintergrat waren, unterhalten.

Der Abstieg von der Payerhütte zog sich dann nochmals in die Länge. Die Tabarettahütte (2556 m) war zwar in der Luftlinie nur unweit entfernt, aber wir mussten das sehr unwegsame Gelände in einem großen Bogen umgehen. An der Tabarettahütte angekommen, widerstanden wir der verlockenden Einladung auf ein Bier durch eine andere Seilschaft und machten uns direkt auf den Weg hinunter nach Sulden zu unserem Auto.

Obwohl der Hintergrat in Bergsteigerkreisen definitiv in die Kategorie „Muss man gemacht haben“ fällt, steht er für mich in meiner persönlichen Favoritenliste nicht ganz oben. Die Gesamtunternehmung ist empfehlenswert, aber die „Gratkletterei“ könnte für meinen Geschmack homogener und kontinuierlicher sein. Trotz der Launenhaftigkeit des Wetters und der relativ frischen Temperaturen hatten wir insgesamt gute Bedingungen. Ein absolutes Highlight der Tour war das Farbenspiel des Sonnenaufgangs.

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